stundenkokon

88 Seiten, Broschur, 12 €, Wiesenburg Verlag, ISBN 3-937101-27-6, 2004

Durch flirrende Wüstenmeere, die Zeit in den Sand sieben und Farben aus Feuer entfachen, führen die Gedichte Kerstin Lepperts. Wie Luftspiegelungen spielen sie mit Sinn, Hitze und Form, schwingen in sinnlicher Umarmung. Über den Nacken der Dünen streichen Worte und Bilder, taumeln über Schotterwege voll Sonnensplitter zum Meer und versammeln sich im “stundenkokon”, einem Ort am Rückgrat der Stille.

wüstenküsse 
in deinen armen vergesse ich die farbe der tage
küsse werfen wir auf die alte sprache
wenn wir auf zebrarücken
duftende wüsten durchstreifen
wir bauen uns eine oase mit kamelhaaren
seidenwind zaust unsere worte
während wir uns aberwitzige geschichten erzählen
von fliegenden fischen und tanzenden dschinns
wie sand rinnen deine finger über meinen rücken
eine atemlose etüde
der unsere lippen nacheilen
um über das trapez aus
silben zu balancieren
unter uns das gestern
verwegenen stunden lauschen wir
der zeit entköpft
oder wanderdünen
doch wir halten uns fester
als verlorene seelen im sandsturm

Rezension von Annette Gonserowski für für die RezensionenWelt
Schon das Titelbild gibt einen Hinweis, wo die Lyrikerin ihre Gedichte ansiedelt: in den Sandfluten, dem gelben Fleisch der Wüste. Wüste als Ausdruck zwischenmenschlicher Beziehung, dem Auf und Ab einer Liebe.  Glutvolle Hitze, Öde, Nähe, zärtliche Fingerkuppen, das Innere ein brennender Rosenbusch,  Durst …
Wer die Wüste liebt, dem wird es nicht schwer fallen, in diese Gedichte einzutauchen. Die Bilder, die Kerstin Leppert in Worte fasst, sind nicht alltäglich. Mit sensiblen Augen erfasst sie Augenblicke, tritt in den Dialog mit einem entfernten Du. Sie schreibt in dichten Worten, deren Aneinanderreihung oftmals beklemmend wirkt. Sie bedient sich unverhoffter Wendungen, die überraschen und aufmerksam machen. „stille staubt im schmerzenden kleid der hitze…“ oder im Gedicht „Tuschkastenblau“  „sandkatze/ im mosaik aus körnern/ gräbt ihren durst/ in die poren  des sandes.“
 Die Dichterin schreibt ihre sehr bildhaften Gedichte in Kleinbuchstaben, verzichtet auf Punkt und Komma. Sie gestaltet sie gleich einem Maler, bringt Paletten voller Farben in ihre Worte, so dass es nicht verwundern würde, wenn sie neben der Dichtung der Malerei zugewandt wäre.